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Das Erhabene

Philosophie → Ästhetik → übergreifender Begriff


Zentrale Fragestellung Das Erhabene bezeichnet eine paradoxe Erfahrung: Angesichts dessen, was uns übersteigt (die Unermesslichkeit, der Sturm, das Unendliche), empfinden wir zunächst Schrecken, dann eine seltsame Lust. Anders als das Schöne, das beruhigt und mit unseren Vermögen im Einklang steht, überwältigt uns das Erhabene, um uns dadurch eine Größe in uns selbst zu offenbaren. Die Fragestellung ist entscheidend: Das Erhabene ist der Ort, an dem die Ästhetik an die Moral und die Metaphysik rührt — es stellt die Frage danach, was am Menschen die Natur und die Sinnlichkeit übersteigt.

Geschichte des Begriffs

Antike — das rhetorische Erhabene Pseudo-Longinos (Vom Erhabenen, 1. Jh. n. Chr.): Das Erhabene (hypsos) ist das, was in der Rede den Zuhörer “hinreißt” und niederschmettert — eine Größe des Ausdrucks. Dem widerspricht die klassische Ästhetik des 17. Jahrhunderts (Boileau übersetzt Longinos 1674, unterwirft das Erhabene aber den Regeln): Für die Klassiker muss Größe dem Maß und dem guten Geschmack untergeordnet bleiben.

18. Jahrhundert — die subjektive Wende

  • Edmund Burke (A Philosophical Enquiry into the Origin of Our Ideas of the Sublime and Beautiful, 1757): Das Erhabene entsteht aus gebändigtem Schrecken — alles, was Gefahr, Schmerz und Dunkelheit heraufbeschwört, erzeugt, sofern wir in Sicherheit sind, “delightful horror”. Dem widerspricht Kant, der Burkes Ansatz für zu physiologisch hält (auf Nerven und Leidenschaften reduziert) und nach einer a priori-Begründung sucht.
  • Kant (Kritik der Urteilskraft, 1790): unterscheidet das mathematisch Erhabene (das unendlich Große: der gestirnte Himmel) und das dynamisch Erhabene (das unendlich Mächtige: der Orkan). Das Erhabene liegt nicht im Objekt, sondern in uns: Die Natur überwältigt uns als sinnliche Wesen, aber unsere Vernunft, die fähig ist, das Unendliche zu denken, das kein Sinn fassen kann, erweist sich als überlegen. Dem widerspricht Schopenhauer (Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818), für den das Erhabene nicht zur moralischen Vernunft erhebt, sondern uns nur für einen Augenblick dem schmerzhaften Willen zum Leben entreißt.

20. Jahrhundert — das Erhabene des Undarstellbaren Jean-François Lyotard (Le Différend, 1983; Vorlesungen über die Analytik des Erhabenen, 1991): Das Erhabene wird zum Paradigma der modernen Kunst — darzustellen, dass es Undarstellbares gibt. Dem widerspricht Jacques Rancière (Das Unvernehmen, 2000), der in diesem “Kult des Undarstellbaren” eine Mystifikation sieht: Alles kann zur Anschauung gebracht werden, die Kunst muss kein Unsagbares heiligen.

Hauptthesen

1. Das Erhabene offenbart eine Größe des Subjekts, nicht des Objekts (Kant) Was uns in der Natur übersteigt, verweist uns auf das, was in uns die Natur übersteigt: die Vernunft.

  • Beispiel: Vor einem vom Ufer aus beobachteten Seesturm weicht der Schrecken der Erhebung — ich denke die Macht, die mich vernichten würde, und beherrsche sie damit in Gedanken. Kant nennt dies das dynamisch Erhabene.
  • Gegenposition: Nietzsche (Die Geburt der Tragödie, 1872) kehrt dies um — die Größe ist nicht die der apollinischen Vernunft, sondern die des Dionysischen, des Rausches, der das Subjekt auflöst, statt es zu erheben.

2. Das Erhabene nährt sich vom auf Distanz gehaltenen Schrecken (Burke) Der erhabene Genuss setzt eine Bedrohung voraus, vor der man geschützt ist.

  • Beispiel: Die Ästhetik des Katastrophenfilms oder der romantischen Malerei (Caspar David Friedrich, Der Wanderer über dem Nebelmeer, 1818) stellt einen winzigen Betrachter vor die Unermesslichkeit — ein Schauer ohne reale Gefahr.
  • Gegenposition: Adorno (Ästhetische Theorie, 1970) — nach Auschwitz wird dieses kontemplative Erhabene fragwürdig: Der reale Schrecken kann nicht ohne Selbstgefälligkeit in ästhetischen Genuss verwandelt werden.

Anwendung: das Erhabene im Kino Spielberg inszeniert ein nahezu religiöses technologisches Erhabenes (die Landung des Raumschiffs in Unheimliche Begegnung der dritten Art, 1977): Licht von oben, Überwältigung, dann Erhebung — siehe Spielberg — Das Kino des Staunens und der Erinnerung. Gegenposition: Bei einem Kubrick (2001, 1968) bleibt das kosmisch Erhabene kalt, rätselhaft und verweigert die spielbergsche emotionale Befriedung.

Kritische Nuance Das Erhabene hat eine ideologische Kehrseite: die Überwältigung des Einzelnen vor einer überlegenen Macht zu verherrlichen, kann der Politik dienen (die Ästhetisierung staatlicher oder kriegerischer Macht — siehe Gewalt). Walter Benjamin (Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, 1935) warnt: Der Faschismus sei eine “Ästhetisierung der Politik”, die genau diesen Schauer des Grandiosen ausnutze.

Verweise

Notizen, die diese zitieren (88)

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